Mittwoch – Genug vom Niger? Dann überspringen!
Heute Morgen loeste sich unsere kleine Reisegruppe auf.
Didier, der Arzt, und ich wollten nach Timbuktu. Diedier muss am Freitag am Flughafen in Bamako sein, und ich will weiter nach Gao und Niamey. Es gaben einen LKW nach Timbuktu, der leider nur einen Platz frei hatte, den natuerlich Didier bekam.
Ich begab mich zum Nigerufer, suchte den ‘Hafenmeister’ (einen Hafen gibt es hier zwar nicht), der mich informieren will, welche Pinasse mich mitnehmen kann.
Waehrend am Ufer buntes Treiben herrschte, harrte ich der Dinge. Das Harren kann natuerlich den ganzen Tag dauern. Morgen ist hier allerdings Markttag, und dann ist genug Pinassenverkehr (hoffentlich ohne mich, weil ich dann schon weg bin).
‘Pinassen-Stopp’ kann genau so frustrierend sein wie ‘Auto-Stopp’. In 3 Stunden landete gerade mal eine Pinasse, die aber a) in die falsche Richtung fuhr, und b) voller Schultz-Aktiv-Touris war, deren Reiseleiter wohl kaum einen ‘backpacker’ mitgenommen haette
(soweit geht die Solidaritaet oder Hilfsbereitschaft unter Deutschen im Ausland bestimmt nicht).
Einig Zeit spaeter sichtete ich in der Ferne 2 Frachtpinassen, der Hafenmeister hielt sogar sein Wort (‘cadeau’ war schliesslich von mir versprochen worden), und wir fuhren mit einer Piroge raus. Der Fahrpreis wurden nach kraeftigem Handeln auf die Haelfte heruntergedrueckt (Gottseidank wusste der Kapitaen nicht, dass ich alles bezahlt haette, nur um hier wegzukommen), und es ging los.
Ich muss mal kurz was ueber die Schiffe auf dem Niger sagen.
Da gibt es richtige Passagierschiffe wenn genug Wasser da ist, dann die kleinen Touristenpinassen, kombinierte Fracht-Passagierpinassen (am Obdeck Passagiere, im Unterdeck Fracht udn Menschen) und die reinen Frachtpinassen. Die Letzteren sind vom Schiffsboden bis zur Bordwand meistens mit Getreidesaecken schwer beladen.
Vorne ist Frachtraum, zwei Meter in der Mitte werden fuer die Bordkueche (Holz- und Holzkohleoefen) frei gehalten, danach wieder Frachtraum, dahinter der Maschinenraum und dann die ‘Toilette’. Die Anfuehrungszeichen deuten schon darauf hin: da das Heck der Pinasse etwas hoch ragt, begnuegt man sich mit einem Loch im Schiffsboden (fliessendes Wasser gibt es genug!). Eine Privatsphaere durch ein Klohaeuschen mit oder ohne Herz oder wenigstens einen Vorhang gibt es nicht. Man weiss, wenn jemand am Maschinenraum vorbeigeht, ist die Toilette besetzt. Beobachtet wird man trotzdem, denn ganz hinten ist eine Ziege angebunden, die einem beim Geschaeft (das man so lang wie moeglich hinauszoegert – in diesem Fall ist Verstopfung mal was Gute) interessiert zuschaut.
Ich war mal gerade eine kurze Zeit an Bord, da hielten wir in Landnaehe schon wieder an, ohne dass irgend Etwas be- oder entladen wurde. Ich dachte, ‘Rainer, fuer welchen Sch…
hast du dich da schon wieder entschieden? Da heattest du doch lieber bei den Anderen in Niafounké bleiben koennen.’
Es stellte sich jedoch heraus, dass wir nicht auf Grund gelaufen waren, sondern warteten, bis der schwere Wind etwas abflaute. Die Bordwand liegt an der niedrigsten Stelle naemlich nur ca. 20 cm ueber dem Wasserspiegel, und bei starkem Wind gibt es dann zu hohe Wellen, die ins Boot schwappen. Der Wind hatte ein Einsehen mit uns oder hautptsaechlich mit mir, und wir mussten nicht allzu lange warten.
Auf den Saecken lagerten die Passagiere, und zwar vorne ca. 6 Maenner, und ich suchte mir da ein freies Plaetzchen.
Im hinteren Frachtraum reisten 4 Frauen mit vielen Kindern und 2 aeltere Maenner, also haette ich da eigentlich auch hingehoert.
Ich hatte mich kaum haeuschlich oder schifflich niedergelassen, da rief schon die erste Frau ‘Toubab, viens!’ Sehe ich eigentlich wie ein Kindergaertner oder Babysitter aus? Ich kletterte also ueber, nicht durch die Kueche nach hinten, denn man laesst ja eine Frau nicht warten.
Als 1. fragte man mich nach einem Medikament fuer einen kranken Mann, der seit 5 Tagen
Magenprobleme haette. Ich fuehlte ihm die Stirn, ob er vielleicht Fieber haette (eine andere Diagnose kann ich sowieso nicht stellen), aber das schien nicht der Fall zu sein. Im Uebrigen sah er eher wie ein ausgemergelter Aids- als ein Magenkranker aus. Ich kramte etwas gegen Magenbeschwerden heraus, in der Hoffnung, wenn es vielleicht nicht hilft, dass es dann wenigstens nicht schadet. In Zukunft werde ich fuer diese Faelle Vitamintabletten oder Traubenzucker mitnehmen.
Dann zeigte man mir einen Jungen, dessen rechter Arm irgendwie nicht in Ordnung war.
Ich sagte ich sei kein Arzt, guckte mir den Arm an und bedauerte den Jungen. Um vom Problem des Jungen abzulenken, zeigte ich ihnen meinen krummen Arm. Das fanden sie natuerlich super interessant und mussten ihn gruendlich betasten. Eine der Frauen, Fatuma, war besonders kommunikativ (leider mit kaum vorhandenen Franzoesischkenntnissen) und wollte gleich wissen, wie das passiert war.
Im Laufe des Tages (Mittwoch) sprach mich Fatuma immer mit „Toubab“ an, obwohl ich
mich schon mit René vorgestellt hatte. Gegen Ende meiner Reisen verschenke ich immer
meine T-shirts peu à peu, und sie hatte eines bekommen. Ich sagte, wenn sie noch nicht mal meinen Namen wuesste, muesst sie das ‘cadeau’ wieder abgeben. Dann wiederholte
ich noch mal meinen Namen. Das ging bestimmt 4 – 5 mal so, und wir hatten alle unseren
Spass, wenn ich mein T-shirt wieder zurueckforderte.
Obwohl ihr Mann an Bord arbeitete, hatte Fatuma mit mir einen lockeren Umgang.
Da sind die westafrikanischen Frauen ganz anders als die in Ostafrika (da gibt es keine
lockere Frauen, nur lockere Maedchen).
Spass hatten natuerlich die Kinder im Alter von ca. 1/2 – 6 Jahren vielleicht. Ich war der
Schiffsclown, der mit ihnen rumtobte, auf dem sie reiten durften, dem sie die Haare nass
machen und dann kaemmen durften. Sie rieben mir meinen Ruecken und meinen Bauch
(der sie vor allem interessierte, weil er so weiss wie der eines Fisches war) mit Niveamilch ein
und sich selbst natuerlich gleich mit. Fatuma wollte nichts davon haben. Mit einer Geste
zeigte sie mir, dass sie ihr Gesicht mit Flusswasser reinige. Als sie dann aber die Milch roch, fand sie so viel Gefallen daran, dass ich ihr gleich einen kleinen Vorrat in einen Plastikbeutel abfuellen musste.
Beim Rumtoben mussten wir aber auf die Kleinkinder aufpassen, die da rum lagen, wenn sie nicht gerade an irgendeiner Brust nuckelten.
‘Irgendeine Brust’ ist woertlich zu nehmen. Fatuma z.B. sass mir waehrend einer Unterhaltung gegenueber und stillt ihren Saeugling. Da holte sie die andere Brust heraus
und hielt sie in meine Richtung. Ich wusste gar nicht, was das sollte, ob sie mir stolz zeigen wollte, wieviel Milch sie haette. Bis ich merkte, dass neben mir das kleine Kind einer anderen
Frau sass, das sie mit dieser Geste zu sich lockte. Das legte sie dann an der freien Brust
an, ohne ihre Unterhaltung mit mir zu unterbrechen.
Sie machte dann noch die Bemerkung, dass sie nicht wie die Weissen Schnuller haetten.
Wir unterhielten uns ueber alles Moegliche. Sie war 25, hatte schon mit 15 geheiratet
(der Brautpreis betrug 20 000 CFA = 30 EUR) und sie war nur Schule gegangen.
Sie wollte etwas ueber Deutschland, Frankreich und England wissen und vieles mehr.
die Fahrt war zwar nicht so bequem wie gestern, unbequem allerdings auch nicht, aber mindestens genau so unterhaltsam wie die mit den Franzosen.
Fotografiert wurde natuerlich auch viel; nichts kuenstlerisch Wertvolles (ich bin als Fotograf
sowie so eher ein solider Handwerker als ein Kuenstler) und z.T. auch einiges an Schrott,
weil die Kinder immer danach verlangten, und Fatuma und die Kinder auch mal knipsen wollten (mehr Pinassendach als Personen). Auf jeden Fall hatten wir beim Anschauen auf dem Monitor viel Spass dabei.
Einmal unterhielten wir uns ueber Kinder, dass in Deutschland so wenige und in Mali so viele
waeren. Da sagte Fatuma, ich solle doch ihre 2jaehrige Tochter mit nach Deutschland nehmen, da haette sie es besser. Am naechsten Tag war unter den neuen Passagieren
eine Hochschwangere, die bereits 4 Kinder hat, und auch sie sagte, nach der Geburt koennte ich das Kind doch mit nach Europa nehmen, dann wuerde es ein kleiner ‘allemandais’. Solche Aussagen, auch wenn sie im Laufe von scherzhaften Unterhaltungen fallen, stimmen einen dann doch traurig. Da wird es einem wieder bewusst, wie gut es uns geht, und welch hartes Los viele Afrikaner haben. Dann ist man beim naechsten „Donne-moi cadeau“ nicht ganz so hart, auch wenn es nur der beruehmte Tropfen und im Grunde eine Beruhigung des schlechten Gewissens ist, dass man vielleicht doch mehr tun koennte, und
weil man sich ein dickes Fell zulegt, wenn man durch die 3. Welt reist.
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Take care,
Rainer a.k.a forsty
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